Falsche Bücherregale

Normalerweise besitzt ein Graf ein stattliches Schloss und überlegt sich, wie es einzurichten ist – sofern nicht alte Familiengegenstände bereits den Platz belegt haben. Bei Friedrich Wilhelm Alexander Ferdinand Graf von Württemberg lag der Fall genau umgekehrt.

Foto: Dieter Poschmann / Pixelio


Der leidenschaftliche Sammler von Waffen, Rüstungen und Gemälden benötigte einen Aufbewahrungsort für seine Kunstgegenstände und wünschte sich dafür eine passende Ritterburg. Solche Art von Problemen hatte der Graf mehr als einmal in seinem Leben. 1828 wurde er mit 18 Jahren zum Hauptmann der reitenden Artillerie ernannt und keine zehn Jahre später zum Oberst und Kommandanten befördert. 1848 ergab sich endlich die Gelegenheit, in Schleswig-Holstein das Erlernte in „echtem Schlachtgetümmel“ zu beweisen, doch kam die Feldbrigade nur bis Hamburg-Altona, da war der Waffenstillstand von Malmö schon unterschrieben. Anschließend sollte die Einheit im badischen Oberland gegen Aufständische vorgehen, aber auch hier kam es zu keinen Kampfhandlungen. Graf Wilhelm blieb nur eine militärische Karriere in Friedenszeiten: Generalleutnant, Gouverneur von Ulm, General der Infanterie und aufgrund solch tapferen Lebenslaufs im Jahr 1867 schließlich die Standeserhöhung zu Wilhelm I. Herzog von Urach.

Wenn der Beruf nicht wirklich ausfüllt, ist es ratsam, attraktiven Hobbys nachzugehen. Im Jahr 1862 trat der Graf zur katholischen Konfession über. Reges Interesse hatte er an Naturwissenschaften, Kunstgeschichte und Altertumskunde. Das nötige Kleingeld für entsprechende Reisen besaß er, ebenso für die großzügige Förderung des Vereins für vaterländische Naturkunde und des württembergischen Altertumsvereins, zu dessen Gründern er zählte. Ob Ehrenmitgliedschaft in der Bayerischen Akademie der Wissenschaften oder die Würde eines Ehrendoktors der philosophischen Fakultät der Universität Tübingen – die Anerkennung seines wissenschaftlichen Strebens wurde ihm zuteil. Zudem hinterließ er der Nachwelt literarische Früchte wie „Wegweiser durch sämtliche Malerschulen und Gemäldesammlungen“; „Graphisch-archäologische Vergleichungen“ und „Aufklärende Worte über Wetterprophezeihung“.

Doch zurück zu den Rüstungen, Kanonen und Gemälden, für die Wilhelm ein angemessenes Obdach suchte. Dass Lesen nicht nur bildet, sondern auch praktisch weiterhelfen kann, bestätigt sich im Fall des Grafen. Inspiriert von der Lektüre eines der ersten historischen Romane, „Lichtenstein“ von Wilhelm Hauff, ließ er am vermeintlich authentischen Ort ein Schloss errichten. Hierhin zog er sich gemeinsam mit Gattin Theodolinde zurück, um wie im Mittelalter zu leben – so, wie man es sich vor 200 Jahren vorstellte. Klappbetten und als Bücherregale getarnte Toiletten sind eher Zeugen spätromantischer Wohnkultur. Immerhin finden sich 500 Meter südöstlich noch Ruinen der Burg „Alt Lichtenstein“, die von Besuchern jedoch kaum beachtet werden, angesichts der gräflichen Neuschöpfung des „Märchenschlosses von Württemberg“.


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