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Haus & Grund Berlin Informationen und Standpunkte 2016 - Nach der Überfüllung droht Leerstand

| 13 Nach der Überfüllung droht Leerstand Bevölkerungsrückgang trotz Flüchtlingswelle – demografischer Wandel und Zuwanderung werden die Wohnungspolitik der nächsten Jahre bestimmen. Julia Gonciarska, Verbandsreferentin Haus & Grund Berlin Durch die unterschiedlichen mittel- und langfristigen Verände- rungen in der Bevölkerungszahl und -struktur wird die deut- sche Wohnungswirtschaft mit vielfältigen Herausforderungen konfrontiert. Immobilien sind nicht flexibel und lassen sich nicht kurzfristig bedarfsgerecht anpassen. Die Zeit, die benötigt wird, um Veränderungen erkennen zu können, wird einem auf dem an- gespannten Wohnungsmarkt nicht geschenkt. Ein angespannter Wohnungsmarkt liegt vor, wenn die Bevölkerung wächst, ohne dass durch Neubautätigkeit ausreichend neuer Wohnraum geschaffen wird. Den Prognosen des Statistischen Bundesamts (DESTATIS) zur Bevölkerungsentwicklung kann unter ande- rem entnommen werden, dass die früher ver- breitete These vom schrumpfenden Osten und wachsenden Westen nicht mehr stimmt – der Rückgang ist heute überall angekommen. Die Menschen werden zudem immer älter, nicht zuletzt durch die gute medizinische Ver- sorgung. Zugleich gibt es aber weniger Kinder. Deshalb spricht man von einer „alternden Gesellschaft“. Schon jetzt entwickelt sich die „Bevölkerungspyramide“ immer mehr zu einem „Bevölke- rungspilz“, weil der Anteil älterer Menschen stetig wächst und bis 2011 nicht mehr so viele junge Menschen nachgekommen sind. Durch die steigende Nettozuwanderung von 270.000 Menschen im Jahr 2011 auf 550.000 im Jahr 20141 erlebt Deutschland derzeit trotz der niedrigen Geburtenrate eine deutliche Zunahme. Da 80 Prozent der Asylbewerber in Deutschland unter 35 Jahre alt sind2 , ist mit zusätzlichem Nachzug von Familienangehörigen zu rech- nen. Nach der Erstunterbringung in Sammelunterkünften werden die Flüchtlinge mit Bleibeperspektive eine Wohnung benötigen. Dies ergibt eine zusätzliche Nachfrage von rund 320.000 Woh- nungen bundesweit.3 Fraglich bleibt, wie und wo die Flüchtlinge in Deutschland untergebracht werden können. Eine direkt gesteuerte Verteilung der Flüchtlinge auf Stadt und Land ist derzeit nur wäh- rend der Dauer des Asylverfahrens möglich, weil sie in dieser Zeit der Residenzpflicht unterliegen. Mit der Anerkennung als Asylbe- rechtigte erlangen sie das Recht auf Freizügigkeit und verlagern in der Regel ihren Lebensmittelpunkt in die Großstädte. Dies kann zu einer Ghettoisierung führen, wie sie zum Beispiel in Berliner Bezir- ken wie Kreuzberg oder Neukölln zu beobachten ist. Daher prüft zurzeit die Bundesregierung eine „Wohnortpflicht“ für anerkannte Flüchtlinge. Zwischen 1996 und 2009 gab es eine ähnliche Regelung für Spätaussiedler, nach der für sie ein vorläu- figer Wohnort festgelegt werden konnte. Dieses „Wohnortzuwei- sungsgesetz“ diente dem Ziel, den Spätaussiedlern in der ersten Zeit die notwendige Unterkunft und Fürsorge sowie die Schaffung einer Lebensgrundlage zu ermöglichen und zugleich durch die an- gemessene Verteilung einer Überlastung von Ländern, Trägern der Sozialhilfe sowie Ge- meinden entgegenzuwirken. Die Wohnortbin- dung galt zunächst für zwei Jahre, dann un- befristet und schließlich wieder für drei Jahre. Ausnahmen wurden nur gewährt, wenn der Betroffene am Wohnort seiner Wahl einen Arbeitsplatz und eine Wohnung nachweisen konnte. Nach der Evaluierung dieses Gesetzes durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) waren fast drei Viertel der Betroffenen mit dem zugewiesenen Wohnort zufrieden.4 Trotz der Zuwanderung, die uns zur Zeit beschäftigt, wird die Be- völkerungszahl nach allen vorliegenden Prognosen weiter abneh- men, weil mittelfristig die Lücke zwischen Geburten und Sterbe- fällen zunehmen wird – von 153.000 im Jahr 2014 auf 350.000 jährlich.5 Und was bedeutet dies für die Wohnungswirtschaft? Der sich seit Jahrzehnten abzeichnende demografische Wandel macht tief- greifende Anpassungsprozesse im Wohnungssektor notwen- dig. Beispielsweise werden die bestehenden Familien- und Sozi- alstrukturen künftig mehr und mehr infragegestellt, sodass der Wohnungsmarkt aufgefordert sein wird, durch Neu- bzw. Um- baumaßnahmen angemessene Lebensbedingungen zu schaffen. Zwar fordert die derzeitige Flüchtlingszuwanderung kurzfristig ei- nen erhöhten Bedarf an Wohnraum, mittelfristig wird es jedoch aufgrund der sinkenden Bevölkerungszahl zu einer großen Leer- standsquote im Wohnungssektor kommen. | Trotz Zuwanderung kommt es mittelfristig aufgrund der sinken- den Bevölkerungszahl zu einer großen Leer- standsquote im Woh- nungssektor. 1 DESTATIS Nr. 321 vom 03.09.2015 2 DESTATIS vom 17.09.2015 3 empirica paper Nr. 230 vom Oktober 2015 4 BAMF, Forschungsbericht Bd. 3, 2007 5 DESTATIS Nr. 353 vom 24.09.2015 foto:zvg.

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